Mein Vater Zucker




Über dem dunkelblauen See, der Khanke von Mossul trennt, geht die Sonne unter. Khanke ist ein kleines kurdisches Dorf im Nord-Irak, gebunden an ein großes UN-Flüchtlingslager. Ich gehe nach einem aufregendem Tag gedankenversunken ins Wohnzimmer. Plötzlich sitzt ein Mann auf der Couch. Ich bemerke ihn nicht sofort und zucke ehrlich gesagt kurz zusammen. Wer rechnet schon mit einem Mann mit Turban und Vollbart auf dem Sofa? Er lächelt freundlich und spricht mir etwas zu, was ich nicht verstehe. Ich sage „Tschawani“ (laut Google Übersetzer eigentlich "çawa yî“), das heißt etwas wie „wie geht’s dir“ und lächle zurück. Neben ihm sitzt seine Tochter. Sie guckt schüchtern aber gleichzeitig interessiert und scheint mich, einen Deutschen mit Cap und bunten HappySocks, nicht richtig einschätzen zu können. Es stellt sich heraus, dass der Mann ein Nachbar ist und gerne mit uns abhängen will.


Der Mann heißt Shaker (das bedeutet übrigens „Zucker“). Er erzählt mir, dass der Islamische Staat vor 2 Jahren in seine Heimat kam und sämtliche Gebäude, Menschen-leben, Liebe, Hoffnung und noch viel mehr zerstörte. Er musste fliehen und alles, was ihm gehörte, hinter sich lassen. Bis auf seine Tochter. Ihr Name ist Nermin. Sie ist wahrhaftig sein Ein und Alles. Er setzte sie auf seine Schultern und lief über 20 Stunden ohne sie abzusetzen bis nach Khanke.

Da mir langsam mein Small Talk Kurdisch ausgeht, setze ich mich neben die beiden und klappe meinen Laptop auf. Ich zeige ihnen Fotos, die wir in den letzten Tagen geknipst haben. Nach ein paar Bildern lächelt Shaker und fordert mich per Zeichensprache auf, ihn zu fotografieren. Dann nimmt er eine Kalaschnikow (AK-47), die wir zum Schutz tagsüber mit uns führten, und legt sie in die Arme seiner Tochter. Sie scheint nicht zu verstehen, was ihr Vater ihr da in die Hände gibt und guckt brav in die Kamera. Ich drücke ab.

Das Bild ist kalt, es ist schwarz-weiß und zeigt einen Mann mit Kopftuch, auf dem Schoß ein Kind mit ängstlichem Blick und russischem Sturmgewehr. Die Situation war allerdings eine Lockere, vielleicht eine Lustige. Für mich war es eine glückliche Begegnung. Natürlich hat Nermin normalerweise keine Waffe in der Hand. Es ist vergleichbar mit einem Foto von mir, auf dem ich 6 Jahre alt bin und stolz auf dem Schoß meines Papas hinterm Steuer seines Autos sitze.